In diesem Beitrag lernst du die Notwendigkeit von Polaritäten in der Kommunikation kennen, um damit gesunde Beziehungen zu führen und einen freieren Umgang mit Konflikten und dir selbst finden zu können.
Doch was sind Polaritäten und wie sehen diese in unserer Kommunikation aus?
Was ist Polarität?

Polarität ist in der Philosophie ein Ausdruck für das Verhältnis von sich gegenseitig bedingenden Größen. Damit ist gemeint, dass Gegensätze jeweils zwei Enden der selben Einheit sind und diese jeweils zu gleichen Teilen das große Ganze stabilisieren. Das bedeutet, dass im Gegensatz zur Dualität keine Trennung und keine Unterteilung in gut und böse stattfindet. Ein klassisches Beispiel ist das chinesische Yin und Yang Zeichen, in welchem die Notwendigkeit des Zusammenspiels zweier gegensätzlicher Teile für ein übergeordnetes und harmonisches Gleichgewicht dargestellt ist.
Doch wie zeigt sich nun diese Polarität in unserer Kommunikation?
Polaritäten in der Kommunikation
Entgegen der oben stehenden Definition liegt die Versuchung nah, dass wir Polaritäten in der Kommunikation in positiv und negativ einteilen. Also eine Art der Kommunikation als positiv bewerten, weil sie zu einer offenen und angenehmen Atmosphäre und eine als negativ, weil sie zu einer verschlossenen und unangenehmen Atmosphäre beiträgt. Das würde jedoch bedeuten, dass eine der beiden Seiten besser und zu bevorzugen und die andere schlechter und zu vermeiden ist. Da es jedoch bei Polaritäten kein gut oder schlecht gibt, schauen wir uns wertungsfrei die Natur beider Pole der Kommunikation an:
Die Polaritäten in der Kommunikation lassen sich am ehesten in Selbstbezogenheit und Selbstlosigkeit einteilen. Oder auch eskalierend und deeskalierend sind treffende Bezeichnungen der beiden gegensätzlichen Kommunikationsstile. Denn sobald Selbstbezogenheit auf Selbstbezogenheit trifft, steigt die Spannung zwischen zwei Parteien und ein Konflikt wird wahrscheinlicher oder spitzt sich zu. Wenn hingegen Selbstlosigkeit auf Selbstlosigkeit trifft, fällt die Spannung und ein Konflikt wird unwahrscheinlicher oder beruhigt sich.
Als Beispiel führen aufeinander treffende Ignoranz, Uneinsichtigkeit und Schuldzuweisungen zu Trennung, Reibung und Konflikt. Gegenseitiges Zuhören, beidseitige Empathie und Einsichtigkeit führen wiederum zu Einheit, Bindung und Harmonie.
Wie zeigen sich die Auswirkungen dieser Polaritäten in unseren sozialen Interaktionen und zwischenmenschlichen Beziehungen?
Die Auswirkungen von Polaritäten auf zwischenmenschliche Beziehungen
Die beiden Kommunikationspole Selbstbezogenheit und Selbstlosigkeit unterscheiden sich im Wesentlichen darin, dass der eine Pol trennt und der andere verbindet. Während also einseitige, uneinsichtige und rechthaberische Kommunikation, wie „So ist es und nicht anders. Das, was ich sage, ist richtig und das, was du sagst, ist falsch.“ Distanz aufbaut, lassen Aussagen wie „Ich kann dich total verstehen. Da habe ich einen Fehler gemacht. Du hast völlig Recht damit, dass…“ Nähe zwischen zwei Menschen entstehen.
Darüber hinaus lässt ichbezogene Kommunikation die Spannung steigen und macht damit auch einen Widerspruch des Gegenübers wahrscheinlicher. Denn auf Ignoranz und Egoismus folgt oft Ignoranz und Egoismus: A: „Ich gebe dir die Sandkastenschippe nicht!“ B:“Pff, dann bekommst du auch nicht den Spielzeugbagger!“. Dem gegenüber mildert selbstlose Kommunikation Spannungszustände in Konversationen und wirkt beruhigend. Nach Einsichtigkeit und Entschuldigung, wird auch eine gleichermaßen erfolgende Reaktion des Gegenübers wahrscheinlicher. A:“Es tut mir leid, dass ich gerade eben so patzig reagiert habe“ B: Mir tut es auch leid, dass ich gerade nicht ganz bei der Sache war“.
Damit wirkt sich, wie sollte es auch anders sein, Selbstlosigkeit positiv und Selbstbezogenheit negativ auf Harmonie und einen gemeinsamen Konsens aus.
Doch ist Harmonie und ein gemeinsamer Konsens das Maß der Dinge für unsere Kommunikation? Oder ist auch der Konflikt und damit der ichbezogene Kommunikationspol für erfolgreiche Kommunikation sinnvoll und wichtig?
Die Kraft des ichbezogenen Pols
Wie es das Wort „ichbezogen“ schon aussagt, bezieht man sich beim ichbezogenen Kommunikationspol auf sich selbst. Also auf die eigenen Interessen, Bedürfnisse, Meinungen und die persönliche Wahrheit. Damit gibt man den eigenen Worten Ausdruck und Kraft. Kommuniziert man ichbezogen vertritt man sich selbst. Die eigenen Überzeugungen werden nach außen hin Kund getan und man „zeigt“ sich. Beharrt man auf diesem Kommunikationspol, setzt man sich durch und steht für die eigenen Werte ein. Nur über die ichbezogene Polarität können in Beziehungen Grenzen gesetzt werden, indem man dem Gegenüber klar signalisiert, wo der Spaß bei einem selbst aufhört. Mit Hilfe des ichbezogenen Kommunikationspols kann in Konflikten ein Vorwurf gegenüber der eigenen Person zurückgewiesen und unangemessenes Verhalten beim Anderen klar benannt werden. Die Bewertung und das Urteilen darüber, was man selbst für richtig und was für falsch befindet und damit klare Stellung zu beziehen, sind weitere Merkmale der ichbezogenen Polarität.
Ohne den ichbezogenen Pol innerhalb unserer Kommunikation, würde es kein Urteil darüber, was richtig und was falsch, was erlaubt und was nicht erlaubt ist, geben. Damit hätten wir nur Chaos und keine Ordnung. Niemand würde sich durchsetzen und niemand hätte Recht. Einer Gesellschaft, Gemeinschaft oder einer Beziehung würden Führung, Struktur und Ziele fehlen. Damit gäbe es weder Fortschritt, noch Veränderung, da nichts fest wäre und sich demzufolge auch nichts Neues etablieren könnte.
Der Mensch, Beziehungen und die Gesellschaft wären wie eine Fahne im Wind.
Doch was diesem Pol fehlt sind Perspektiven, Reflektion und damit tiefere und bedeutsamere Wahrheiten.
Es fehlt der selbstlose Pol.

Die Kraft des selbstlosen Pol
Im Gegensatz zum ichbezogenen, löst man sich beim selbstlosen Kommunikationspol von sich selbst. Man löst sich von den eigenen Interessen, Bedürfnissen und Meinungen und damit von der persönlichen Identifikation mit der Sache. Der eigene Selbstwert hängt nicht davon ab Recht zu bekommen. Statt also sich selbst durchsetzen und Recht haben zu wollen, sucht man beim selbstlosen Pol nach der grundsätzlichen Wahrheit einer Sache oder eines Problems. Der Wille zu lernen und zu verstehen steht im Mittelpunkt. Dieser Kommunikationspol gesteht eigene Fehler ein und bekennt die eigene Schuld. Neues anzunehmen und die Kompetenz des Anderen anzuerkennen ist für diesen Pol kennzeichnend.
Dieser Pol lässt sich überzeugen. Alte Überzeugungen werden zu Gunsten von neuen und dienlicheren verabschiedet. Damit wird potentiell die persönliche Entwicklung gefördert. Man kann die Situation aus vielen Perspektiven, wie auch aus der des Gegenübers heraus, betrachten. Man sieht die Bedürfnisse und Interessen aller. Vorwürfe des Gegenübers werden angenommen und eigene Fehler werden anerkannt. Sowohl sich selbst, als auch Anderen wird verziehen. Es wird gefragt und nicht gesprochen. Auf diesem Pol lässt der Mensch vom Gewinnen ab und ist dazu bereit Dinge loszulassen oder eine Diskussion zu verlieren.
Ohne diesen Pol würde es nur durch Mord und Totschlag zu einer Einigung kommen. Es gäbe keinen gemeinsamen Konsens und keine Harmonie. Die Menschheit wäre ziemlich einfältig, beschränkt und perspektivlos. Es würde kein komplexes Gesellschaftskonstrukt geben. Menschlich und evolutionär wären wir maximal auf dem Stand eines Kleinkindes. Wahrscheinlich hätten wir uns gegenseitig oder die Erde sogar schon ausgelöscht und es würde uns gar nicht mehr geben.
Beide Pole sind also essentiell für unsere Beziehungen und für unser Leben.
Doch was hindert uns daran diese kommunikativ zum Ausdruck zu bringen?
Wie Unsicherheiten unsere Kommunikation beeinflussen
Jeder Mensch trägt beide Pole und damit beide kommunikative Wahlmöglichkeiten in sich. Doch bedingt durch unsere persönliche Natur und durch die Erfahrungen unserer Vergangenheit, haben die meisten Menschen einen Pol, über den sie bevorzugt kommunizieren. Gerade bei Unsicherheiten verbleiben wir oft unbewusst lieber auf einer Seite der Kommunikation. Es ist die individuelle Strategie mit Unsicherheiten umzugehen, die wir uns im Laufe unseres Erwachsenwerdens angeeignet haben.
Beispiele:
- Der Eine redet, sobald er sich in einer sozialen Situation unsicher fühlt viel, während der Andere verstummt. Der Vielredner könnte Angst vor Stille haben oder auch das permanente Sprechen unbewusst als Strategie nutzen, um seiner Nervosität und angestauter Energie Raum zu geben. Der Verstummte hat vielleicht Angst davor etwas Falsches zu sagen und dadurch inkompetent zu wirken.
- Wenn jemand immer Recht haben muss, muss er das, weil er eine Gefährdung seines Selbstbildes und seiner Identität darin sieht, falsch zu liegen. Demzufolge beharrt dieser auf Teufel komm raus auf seiner Meinung und Ansicht, unabhängig von der tatsächlichen Wahrheit.
- Jemand der nie versucht Recht zu haben und alles relativiert, bezieht damit keine Stellung und macht sich damit auch nicht angreifbar. Dieser hebt jederzeit auch das Körnchen Wahrheit in den Aussagen des Gegenübers hervor, um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.
Bei einigen ist das Verharren auf einem der beiden Pole extremer und bei anderen weniger extrem. Wichtig ist nur, dass wir verstehen, dass, wenn wir stark auf einem Pol verharren, wir uns bildlich gesprochen im Kreis drehen. Entweder vereinsamen wir, weil wir nur uns selbst wahrnehmen und damit durch unsere ichbezogene Kommunikation andere Menschen abstoßen oder wir werden für andere unsichtbar, weil wir uns selbst durch unsere selbstlose Kommunikation nicht zum Ausdruck bringen.
Genauso können wir in bestimmten Lebensbereichen und in der Gegenwart bestimmter Personen schon gut darin sein polar zu kommunizieren und in anderen wiederum überhaupt nicht.
Wie werden wir uns dessen also mehr bewusst und wie schaffen wir es polarer zu kommunizieren?
Wie wir polarer kommunizieren

Als erstes ist es wichtig zu beobachten, wann, wie und wo wir auf welchem Pol kommunizieren. Nur so können wir uns unserer Tendenzen und unbewussten kommunikativen und psychologischen Muster bewusst werden. Im nächsten Schritt geht es darum herauszufinden, welche Gefühle und Gedanken hinter dem jeweiligen Muster stecken. Dafür müssen wir achtsam unser Inneres beobachten und uns selbst hinterfragen.
Dann gilt es, genau das zu tun und das zu fühlen, was wir die ganze Zeit unbewusst versucht haben zu vermeiden. Das ist natürlich nicht so einfach, wie es hier geschrieben steht. Denn diese Muster beruhen oft auf einem einst abgelegten Schutzmechanismus unserer Vergangenheit. Das heißt, das Verhalten kann hierbei tief in der eigenen Psyche verankert sein und lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Doch sich zu aller erst seiner kommunikativen Muster bewusst zu werden und sich selbst zu hinterfragen, ist essentiell, um den Prozess in Gang zu bringen und sich anschließend seinen Gefühlen stellen zu können.
Daher findest du nachfolgend einige Fragen, um dich selbst zu reflektieren und dir deiner Tendenzen bewusst zu werden, um sie im nächsten Schritt nach und nach angehen zu können.
Deine Erfahrung2go: 12 Fragen, um dir deiner kommunikativen Polung bewusst zu werden
6 Fragen für den ichbezogenen Pol (Wenn du dich darin wieder findest, bevorzugst du den ichbezogenen Pol)
- Hast du das Gefühl du müsstest viel reden, um dich verständlich zu machen?
- Hast du Angst nicht ausreichend Aufmerksamkeit und Achtung zu bekommen, wenn du nicht die Möglichkeit hast von dir zu reden?
- Wann hast du das letzte Mal jemandem Recht gegeben, obwohl du zu Beginn der Diskussion anderer Meinung warst?
- Kannst du es verkraften, dass deine Idee bezüglich einer Sache, unbrauchbar ist und nicht angenommen wird?
- Kannst du das Falsche in deiner vermeintlichen richtigen Überzeugung finden?
- Fällt es dir leicht in emotionsgeladenen Konflikten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten?
6 Fragen für den selbstlosen Pol (Wenn diese nicht auf dich zu treffen, bevorzugst du den selbstlosen Pol)
- Fühlst du dich dazu in der Lage Anderen die Stirn zu bieten, wenn diese energisch und selbstbewusst ihren Standpunkt verteidigen?
- Hast du für dich klar definierte Werte, für die du jederzeit, ohne Ausnahmen oder Abweichungen einstehst?
- Kannst du in einer Diskussion bezüglich eines Themas, ohne wenn und aber, das für dich Richtige oder Falsche benennen?
- Kannst du jemand Anderem widersprechen, ohne dabei Schuldgefühle oder Ängste zu bekommen?
- Fühlst du dich in Auseinandersetzungen unwohl?
- Kannst du dich problemlos in Konversationen in den Vordergrund stellen?
Fazit
Die eigene Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und damit polarer und stimmiger zu kommunizieren braucht, abhängig von deinem individuellen Status Quo: Geduld oder Mut, Überwindung oder Zurückhaltung, Einfühlungsvermögen oder Durchsetzungsvermögen, vor allem aber, braucht es Zeit. Doch es lohnt sich. Du selbst wirst glücklicher und freier, da du dir deiner inneren Blockaden bewusst wirst und sie damit angehen und lösen kannst. Deine Mitmenschen werden es dir danken. Denn auch deine Beziehungen werden davon profitieren, da deine sozialen Interaktionen klarer, stimmiger und authentischer werden.
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